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Die Sache mit der Sektorwette

Eine Überzeugung vieler Investoren am Aktienmarkt ist, dass sie „nur“ auf das richtige Pferd setzen müssen, um ordentlich Gewinn zu machen. Ein häufiges Argument ist, dass eine breite Streuung zu geringeren Renditen führt. Viele Privatanleger verfolgen daher sogenannte Sektorwetten. Doch wie realistisch ist es überhaupt, mit Sektorwetten langfristig Erfolg zu haben.
Die Sache mit der Sektorwette

Die Angst davor, Rendite zu verpassen

Zunächst einmal gilt es zu klären, was genau eine Sektorwette eigentlich ist. Wie der Name bereits verrät, handelt es sich dabei allgemein um eine Wette auf eine bestimmte Branche oder ein bestimmtes Thema. Oftmals geht es bei Sektorwetten darum, dass Anleger aktuellen Trends oder Hypes folgen wollen in der Hoffnung auf hohe Gewinne. Viele Anleger treibt dabei die Angst um, Rendite zu verpassen (Engl.: „Fear of missing out“ oder kurz „FOMO“).

Dieser Begriff wurde vor allem während der Coronapandemie geprägt, als „Lockdown“-Aktien wie Zoom, Peloton oder Netflix durch die Decke gingen. Ein anderer Hype war der um die sogenannten „Meme Stocks“ Anfang 2021, als Aktien von Firmen, die kurz vor dem Bankrott standen, aberwitzige Renditen erzielten. Viele Investoren wollen bei diesen Trends dabei sein. 

Doch führt die Angst, Rendite zu verpassen, oftmals dazu, dass sich Investoren weder mit den tatsächlichen Fundamentaldaten eines Unternehmens, noch mit der realistischen Dauer oder Reichweite eines Trends auseinandersetzen. Häufig steigen Privatanleger auch genau dann ein, nachdem der Großteil der Wertsteigerung bereits gelaufen ist. Denn ein heißer Trend ist naturgemäß erst dann heiß, wenn er bereits stark (bzw. „heiß-“) gelaufen ist.

Quelle: Ginmon, schematische Darstellung

Die Mehrheit der Anleger erfährt meist erst kurz vor dem Höhepunkt von dem Trend, wenn die Aufmerksamkeit am größten ist. Hinzu kommt der sogenannte Survivorship Bias (Verzerrung zugunsten der Überlebenden). Gerade in unserer heutigen Welt scheint ein Trend auf den nächsten zu folgen und es fällt leicht zu glauben, dass alles, was ein wenig Aufmerksamkeit erhält, der nächste große Hit wird. Jedoch hört man nur von den erfolgreichen Trends und nicht von den zahlreichen Entwicklungen, die im Sande verlaufen sind.

Die Wette auf den Hype

Die Gefahren einer Sektorwette werden bei einzelnen Aktien besonders deutlich, sodass wir im Folgenden die Kursentwicklungen einiger Hype-getriebener Unternehmen betrachten. Auf dem Level der Einzelaktien haben sich in der Vergangenheit viele Hypes gefunden, aus denen große Gewinner und noch größere Verlierer hervorgegangen sind. 

Der Zahlungsabwickler Wirecard dürfte den meisten Deutschen ein Begriff sein, nicht zuletzt, weil viele Anleger dadurch ihre gesamten Ersparnisse verloren haben. Der Grad zwischen einem Gewinn von 333 % und dem Totalverlust war bei dieser hoch gehypten Aktie verschwindend gering.
Quelle: Bloomberg, Stand August 2022

Ein weiteres Phänomen waren die sogenannten „Lockdown-Aktien“. Während die meisten Aktienkurse in der Coronakrise enorme Verluste verzeichneten, gab es ein paar Ausnahmen, die von den turbulenten Veränderungen profitierten. Doch wie deutlich wird, war diese Entwicklung nicht sehr nachhaltig. 

Typische Lockdown-Profiteure wie Zoom, Peloton und Netflix sind unmittelbar nach Beginn der Pandemie rasant gestiegen und haben sich teilweise mehr als versechsfacht. Doch mit Ende der Lockdowns endete auch der Hype. Dies zeigt, dass bei hoch gewetteten Trends höchste Vorsicht geboten ist. Denn eine „neue Welt“, ein „New Normal“, wird häufiger verkündet, als sie tatsächlich eintritt. Wer sich auf solche Wetten einlässt, muss immer damit rechnen, dass auch ein Totalverlust eintreten kann.

Das Renditepuzzle: Welche Sektoren laufen am besten?

Ein vergleichbares Risiko besteht bei der Konzentration auf einzelne Branchen, denn Unternehmen in einem Sektor haben aufgrund ähnlicher Produktpaletten, Zulieferer und Kunden eine hohe gegenseitige Abhängigkeit in ihrer Wertschöpfung. Entwicklungen, die eines der Unternehmen betreffen, können oftmals Auswirkungen auf die gesamte Branche haben. Aus diesen Gründen wird bei gut diversifizierten Portfolios darauf geachtet, nicht nur über mehrere Aktien, sondern auch über mehrere Branchen und Ländern zu streuen.

Quelle: MSCI, eigene Berechnungen

Schauen wir uns daher einmal an, wie die Performance der elf offiziellen GICS-Sektor (Global Industry Classification Standard) seit 2010 an, geordnet von dem Sektor mit der besten bis hin zu schlechtesten Performance in einem Kalenderjahr. Wir sehen, dass es auch hier keine dauerhaften Gewinner gibt. 

Die Gewinner von heute können die Verlierer von morgen sein. Oder eben auch nicht. Und genau das ist das Problem. Es scheint kein erkennbares Muster zu geben, aus dem sich eine Strategie ableiten ließe. Dafür muss man nur einmal den Energiesektor betrachten. Auch wenn die Branche im Jahr 2021 die beste Performance hinlegte, war sie noch im Jahr 2020 mit einer Performance von etwa -27 % auf dem letzten Platz des Rankings.

Alles eine Frage des richtigen Händchens?

Anleger, die Sektorwetten betreiben oder immer dem nächsten Trend hinterherjagen, sind häufig sehr aktiv und schichten das Portfolio regelmäßig um. Die Gefahr dabei ist, von einem Verlust in den nächsten zu taumeln oder den einen glücklichen Gewinn (und vielleicht noch mehr) mit der nächsten Wette wieder zunichtezumachen. 

Die Investmentbank J.P. Morgan hat hierzu eine Auswertung durchgeführt und kam zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Investor am Kapitalmarkt zwischen 2001 und 2021 aufgrund zu häufiger und unprofitabler Umschichtungen lediglich eine jährliche Rendite von 3,6 % erreichte. Damit blieb der Otto-Normal-Anleger deutlich hinter der Wertentwicklung von breit gestreuten Portfolios zurück. 

Quelle: J.P. Morgan Asset Management, Stand 30.09.2021

Ist ESG eine Sektorwette?

Eine Frage, die sich in diesem Kontext stellt, ist, ob nachhaltiges Investieren als eine Sektorwette klassifiziert werden kann, da hier der Fokus ausschließlich auf nachhaltige Unternehmen oder Projekte gelegt wird. Diese Fragestellung haben wir bereits an anderer Stelle diskutiert. 

Quelle: Ginmon, Stand 14.06.2021

Grundsätzlich gilt es zu berücksichtigen, dass sich für nachhaltiges Investieren entlang der ESG-Kriterien gezwungenermaßen ein Filter ergibt, durch den nicht nachhaltige Wertpapiere aussortiert werden. Je strenger der gewählte Nachhaltigkeitsansatz ist, umso mehr Unternehmen werden aus dem Anlageuniversum ausgeschlossen. 

 

Dennoch gilt, dass nachhaltiges Investieren auch ohne Klumpenrisiko möglich ist. Auch bei einem streng nachhaltigen Ansatz ergeben sich genug Investitionsmöglichkeiten, um eine breite Streuung im Sinne der Diversifikation zu gewährleisten.

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