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2022: ein historisch dramatisches Jahr für Anleihen

Sind Anleihen noch sicher? Bisher galt: Wer ein diversifiziertes, risikoarmes Investmentportfolio anlegen will, der kann Anleihen nicht ignorieren. Gerade Anleihen von finanziell soliden Staaten wie Deutschland oder den USA sind bei Investoren wegen Ihrer geringen Volatilität und risikoarmen Rendite beliebt. Doch 2022 war ein absolutes Horrorjahr für diese Anlageklasse. Dabei blieben selbst die sichersten Anleihen nicht verschont. So verloren langlaufende Staatsanleihen teilweise mehr als 50% an Wert. Es ist der größte jährliche Verlust seit mehr als 200 Jahren. Wie kam es zu diesem Horrorjahr?
2022: ein historisch dramatisches Jahr für Anleihen

Die Leitzinsen steigen so schnell wie lange nicht

Man kann die Kausalität von Anleiherendite und den Leitzinsen der Zentralbanken nicht verleugnen. Mit steigenden Leitzinsen steigen auch die Zinsen auf neu emittierte Anleihen. Als Folge dessen, um die bereits gehandelten Anleihen, welche noch zu niedrigeren Zinssätzen begeben wurden, im Vergleich weiterhin attraktiv zu halten, sinkt deren Kurs.

Man kommt also bei der Suche nach einer Erklärung der volatilen Anleihekurse im Jahr 2022 stets zurück auf die Zinspolitik der Notenbanken. Und diese war wahrlich außerordentlich. So erhöhte die amerikanische Notenbank den Leitzins in einer Spanne von nur 9 Monaten um 3,75%. Dies war der schnellste Zinserhöhungszyklus der vergangenen 35 Jahre.
Quelle: St. Louis Fed, Stand November 2022

Und bei dieser Politik war die amerikanische Federal Reserve Bank nicht alleine – in der Eurozone wurden die Zinsen im zweiten und dritten Quartal 2022 ebenfalls rasant angehoben. Hier lag der Einlagenzins zuvor noch bei minus 0,5%, bevor er im zweiten Halbjahr 2022 auf +1,5% angehoben wurde. Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, begründete den rasanten Anstieg als eine Reaktion auf die Inflation, welche “deutlich zu hoch” sei. So starke Leitzinserhöhungen hatte es zuvor in der Eurozone noch nie gegeben.

Das schlechteste Anleihen-Jahr seit 1788

Dies führte im Anleihemarkt zu drastischen Verlusten. So verloren vor allem langlaufende Anleihen deutlich an Wert. Dies liegt an der höheren Duration im Vergleich zu kürzer laufenden Anleihen. Durch die niedrigen Zinsen in den vergangenen Jahren war die Nachfrage nach langlaufenden Anleihen in 2021, wie zum Beispiel der 50-jährigen mexikanischen Staatsanleihe, noch sehr hoch gewesen. Dies erklärte sich vor allem durch den Mangel an (positiv) rentablen Alternativen. Schließlich boten damals deutsche Bundesanleihen größtenteils eine negative Verzinsung.

Schaut man sich heute einmal die Entwicklung von solch ultra-langen Staatsanleihen von Österreich, Mexiko, Italien oder Großbritannien an, so verloren diese seit 2021 teilweise 50% oder mehr an Wert.
Quelle: Marketwatch, Stand 15.11.2022

Obwohl die Verluste enorm sind, beziehen sich diese jedoch nicht nur auf langlaufende Anleihen. Auch kürzere Anleihen verzeichneten teilweise das schlechteste Jahr seit Langem. Eine derartige Entwicklung ist historisch gesehen äußerst unüblich. Denn betrachtet man einmal die jährliche Wertentwicklung von Anleihen in den vergangenen Jahren, so erkennt man, dass 2022 einen der größten Wertverluste überhaupt einbrachte. Dies ist besonders deutlich am Beispiel der 10-jährigen amerikanischen Staatsanleihen sichtbar.

Quelle: Deutsche Bank, Stand November 2022
Hier erkennt man, dass diese aktuell bei einer Wertentwicklung von -13,75% in 2022 steht. Ein Tiefpunkt, der seit 1788 nicht untertroffen wurde. Es ist also der größte Wertverlust seit 233 Jahren. Eine atemberaubende Statistik.

Zinsentwicklung drückt Tech-Aktien

Doch nicht nur Anleihen sind vom Umfeld der hohen Zinsen betroffen. Auch andere Bereiche, wie Wachstums-Aktien – oftmals im Tech-Sektor zu finden – oder der Immobilienmarkt werden davon beeinflusst.

Im Gegensatz zu Value-Unternehmen weisen Wachstums-Unternehmen für gewöhnlich eine höhere Schuldenquote auf. Ihre Umsätze wachsen zwar schnell, allerdings von einem geringen Niveau aus. Die Substanz ist also noch nicht in dem Maße gegeben wie z.B. bei alt-eingesessenen Industrie-Unternehmen. Ihr Wachstum finanzieren sie durch Schulden statt durch Gewinne.

In Zeiten niedriger Zinsen kann dies förderlich für ein schnelles Wachstum sein. Steigen die Zinsen jedoch, so tut das diesen Unternehmen besonders weh. Die Folge sind sinkende Kurse und hohe Volatilität, wie man an der Entwicklung des US-amerikanischen Index Nasdaq nachvollziehen kann. Dieser beinhaltet v.a. Tech- und andere Wachstumswerte.
Auch auf den Immobilienmarkt wirken sich hohe Zinsen negativ aus. Denn Hypothekenzinsen orientieren sich an den Leitzinsen der Zentralbanken. Steigen die Zinsen, können sich weniger Immobilienkäufer die Finanzierung leisten. Im Jahr 2022 stiegen die Zinsen auf 30-jährige Hypothekendarlehen in den USA von 3% auf bis zu 7% in nur wenigen Monaten. (Man beachte im Chart die invertierte Skala für Hypothekenzinsen.)
Quelle: St. Louis Fed, Stand 18.11.2022

Das Jahr 2022 war also eine außergewöhnliche Zeit für die Kapitalmärkte. Die Inflation war so hoch wie lange nicht mehr, die Notenbanken reagierten mit einer aggressiven Zinspolitik und Anleihen verzeichneten ein wahres Horrorjahr wie seit über 200 Jahren nicht mehr. Nun bleibt nur noch abzuwarten, wie sich 2023 entwickelt. Was die Inflation angeht, zeigten die Indikatoren zuletzt bereits in die richtige Richtung – nämlich nach unten.

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