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Ein Update zum FallEvergrande

Der zweitgrößte chinesische Immobilienentwickler China Evergrande hat sich in den vergangenen Jahren massiv verschuldet und steckt dadurch aktuell in dramatischen Schwierigkeiten, die teilweise Erinnerungen an Lehman Brothers hervorriefen. Die genauen Gründe haben wir in unserem Marktkommentar Oktober erläutert. Nun kam es zum befürchteten Zahlungsausfall. Wie geht es mit China Evergrande nun weiter?
Ein Update zum FallEvergrande

Wie steht es um Evergrande? - Ein Update

Der zweitgrößte chinesische Immobilienentwickler China Evergrande hat sich  in den vergangenen Jahren massiv verschuldet und steckt dadurch aktuell in dramatischen Schwierigkeiten, die teilweise Erinnerungen an Lehman Brothers hervorriefen. Die genauen Gründe haben wir in unserem Marktkommentar Oktober erläutert. Nun kam es zum befürchteten Zahlungsausfall. Wie geht es mit China Evergrande nun weiter?

Nachdem es nach der Veröffentlichung unserer ersten Analyse zum endgültigen Zahlungsausfall von zwei Anleihen gekommen war, wurde der von den Medien prophezeite “Lehman-Moment” immer lauter diskutiert. Wie genau haben wir die Situation damals eingeschätzt und wie entwickelt sich die Lage aktuell?

Unsere Analysen und der aktuelle Stand zu Evergrande

Im Rahmen unseres Marktkommentars zum möglichen Zusammenbruch von Evergrande haben wir sechs Punkte definiert, welche unserer Meinung nach gegen einen neuen “Lehman-Moment” sprechen. Im Folgenden werden wir die aktuelle Lage von Evergrande beleuchten und schauen, inwiefern unsere Thesen standhalten konnten.

 
1. Evergrandes Schulden stellen weniger als 0,4% der Kredite im chinesischen Bankensystem dar

Nach wie vor stellt die Verschuldung von Evergrande einen geringen Teil des gesamten chinesischen Bankensystems dar. Das Portfolio an Onshore-Krediten, welche durch Evergrandes Immobilienvermögen gedeckt sind, wird nach wie vor mit über 250 Milliarden US-Dollar bilanziert. Aus diesem Grund sind wir noch immer der Auffassung, dass eine mögliche Pleite von Evergrande keine chinesischen Banken und Gläubiger in die Knie zwingen sollte.

2. 50% der Schulden sind gegenüber Lieferanten und Hauskäufern

Der hohe Anteil von Schulden ggü. Lieferanten und Hauskäufern bedeutet zwar, dass einige Unternehmen und auch Privatpersonen Geld verlieren könnten, dies steht jedoch nicht direkt mit dem chinesischen Bankensystem und stellt somit kein systemisches Risiko dar. Das Problem ist auf zu großen Teilen auf die heimische chinesische Wirtschaft begrenzt. Diese wuchs im vierten Quartal auch aufgrund der Entwicklungen am Immobilienmarkt langsamer als erwartet.

3. Der Staat kauft Zeit für eine Restrukturierung

Die chinesische Zentralbank (Peoples Bank of China) hat dem chinesischen Bankensystem durch mehrere Finanzspritzen viele Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln zugefügt, um systematische Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Auch nach unserer ersten Analyse gab es noch weitere Stützung in dieser Form. Das Vorgehen hat sich als sinnvoll erwiesen, denn so konnte Evergrande tatsächlich einige seiner Geschäftsbereiche und Assets abstoßen, um so dringend benötigte Liquidität zu erhalten. Beispiele für die notgedrungen veräußerten Beteiligungen sind unter anderem Anteile an der Shengjing Bank für 1,5 Milliarden US-Dollar an eine staatliche Vermögensgesellschaft oder auch eine Beteiligung am Streaming-Dienstleister HengTen, dem “Netflix Chinas” für 274 Millionen US-Dollar. Auch durch diese Maßnahmen konnte bei Anlegern auf der ganzen Welt Vertrauen aufgebaut werden, dass es nicht zu einem plötzlichen Crash kommen wird. Unserer Einschätzung nach wird China diese Unterstützung in dem Maße fortsetzen.

4. Provinzregierungen sind stark von Einnahmen durch Landverkäufe abhängig

Dieser Punkt ist nach wie vor unverändert gültig. Landverkäufe sind ein essenzieller Treiber von Steuereinnahmen der chinesischen Provinzen und somit wichtig für das angestrebte Wachstum des Landes. Um den unter Druck stehenden Immobilienmarkt nicht weiter zu schwächen, wurde die eigentlich für Jahresende geplante Probe-Einführung einer Grundsteuer auf Immobilienbesitz bisher nicht umgesetzt. Zuvor war schon die Rede davon, einen deutlich geringeren Steuersatz zu erheben als ursprünglich geplant. Laut Experten könnte die Steuer nun sogar ganz ausfallen. 
Zusätzlich sind die Steuereinnahmen aus den Gewinnen von Evergrande nicht zu vernachlässigen, welche an die Provinz Guangdong gehen, in welcher das Unternehmen seinen Hauptsitz hat. Auch aus diesem Grund setzt sich der von der chinesischen Regierung neu gebildete Risikomanagement-Ausschuss für Evergrande unter anderem aus vielen hochrangigen Beamten dieser Provinz zusammen. Ein schlagartiger Ausfall von Steuereinnahmen durch Evergrande soll möglichst vermieden werden, weshalb die Regierung versucht, eine mögliche Pleite zu verhindern oder zumindest abzufedern. Als Maßnahmen greifen hier unter anderem auch Verkäufe von relevanten Geschäftsbereichen, welche so unter einem neuen Besitzer weitergeführt werden könnten.
 
5. Konjunkturprogramm für chinesische Wirtschaft sehr wahrscheinlich
 
Essenziell für die in China vorherrschende Planwirtschaft ist, dass die wirtschaftliche Stabilität an erster Stelle steht. Dies bedeutet auch, dass das jährlich zu erreichende Wirtschaftswachstum zentral vorgegeben wird. Nachdem das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2021 niedriger ausfiel als erwartet, gibt es für das Jahr 2022 wieder strikte Wachstumsziele. Die chinesische Regierung hält weiterhin an der Maxime des “Gemeinsamen Wohlstands” fest und will auf internationaler Ebene keine Schwäche in Form von stagnierender Wirtschaftsleistung zeigen. Dieser Ansatz bekräftigt unsere Einschätzung, dass das Schicksal von Evergrande keine bleibenden Schäden verursachen wird. Sollte es zur Pleite kommen und wären daraus Schäden für die Wirtschaft zu erwarten, ist mit Konjunkturprogrammen zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen zu rechnen.
 
6. Evergrandes Schulden sind ein lokal chinesisches Problem
 
Bei dem enormen Schuldenberg von Evergrande ist nicht zu vernachlässigen, dass Investoren außerhalb Chinas durch die Schuldenprobleme Evergrandes so gut wie gar nicht beeinträchtigt sind. Gerade einmal etwas über 6 % der Gesamtschulden entfallen auf aus dem Ausland kommende Geldgeber. Die absolute Mehrheit der betroffenen Gläubiger hat ihren Sitz in China, wodurch eine Ausbreitung auf das globale Finanzsystem wenig wahrscheinlich ist. Auch dies erhöht die Wahrscheinlichkeit von Stützungsmaßnahmen seitens der chinesischen Regierung und bestärkt unsere Einschätzung, dass Evergrande für keinen neuen “Lehman-Moment” sorgen wird. Dies zeigt sich auch an der Diskussion darüber, das Privatvermögen des Firmengründers zur Schuldentilgung heranzuziehen. Ein solcher Schritt würde vermutlich nicht erwogen werden, wenn die Kredite gegenüber ausländischen Schuldnern bestünden.

Wie wird es weitergehen?

Die chinesische Regierung hat in der jüngeren Vergangenheit deutlich gemacht, dass Wachstum und Stabilität nicht bedroht werden dürfen. Durch die Einführung der “drei-rote-Linien”-Regel soll Stabilität geschaffen werden, was aber für einige Unternehmen im chinesischen Immobiliensektor heftige Einschnitte in deren Geschäftstätigkeit bedeutet. Die chinesische Regierung stellt den angestrebten “Gemeinsamen Wohlstand” an erste Stelle, was auch bedeutet, dass ein Unternehmen bei Bedarf fallen gelassen werden kann. Der Fall Evergrande bietet sogar ein sehr medienwirksames Exempel an, um zu demonstrieren, wie entschlossen man an seinen Prinzipien festhält. Das politische Vorgehen könnte damit enorme Signalwirkung für andere überschuldete Immobilienkonzerne haben.

Wie erwartet konnte ein Überschwappen auf die gesamte chinesische Wirtschaft bislang verhindert werden. Die Senkung des Mindestreservesatzes von 12 auf 11,5 Prozent gibt chinesischen Geldhäusern zusätzliche Liquidität und damit einen größeren finanziellen Spielraum. Mittlerweile  scheint auch das Eigentum des Gründers von Evergrande, Hui Ka Yan, in den Fokus der Behörden geraten zu sein. Mithilfe politischer Einwirkung scheint man die Umstrukturierung des Konzerns einschließlich möglicher Verkäufe erzwingen zu wollen, was jedoch bislang nicht ausreichte, um das Unternehmen zu retten. Ende Dezember 2021 haben die Rating-Agenturen Standard & Poor’s sowie Fitch das Unternehmen auf “eingeschränkter Kreditausfall” herabgestuft, was eine Stufe vor dem “kompletten Kreditausfall” steht.

 
In unserem letzten Artikel hatten wir nicht ausgeschlossen, dass die chinesische Regierung an Evergrande ein Exempel statuieren und das Unternehmen pleitegehen lassen könnte. Diese Vermutung wurde am 09. Dezember vom Gouverneur der chinesischen Zentralbank, Yi Gang, bestätigt. Dieser hat verlauten lassen, dass mit dem Zahlungsausfall von Evergrande nach den “Grundsätzen des Marktes und der Rechtsstaatlichkeit” verfahren werden solle. Darüber hinaus hat die Zentralbank auf ihrer Webseite zu Evergrande Stellung bezogen. Die Schuldenkrise sei durch “selbstverschuldetes Missmanagement” und “waghalsige Expansion” ausgelöst worden. Bestrebungen, das Unternehmen im Notfall retten zu wollen, klingen anders. Evergrande befindet sich nunmehr seit einigen Wochen teilweise unter der Kontrolle der chinesischen Regierung, welche nun unmittelbaren Einfluss auf den Konzern ausübt.
 
Trotz all der erneut negativen Nachrichten um den Immobilienkonzern ist eines ausgeblieben: der “Lehman-Moment 2.0”. Unserer Einschätzung nach wird dieser auch nicht mehr kommen. Ob Evergrande Pleite gehen wird oder nicht spielt dabei mittlerweile keine Rolle mehr, denn die chinesische Regierung hat durch ihre Schritte deutlich gemacht, dass eine Insolvenz vornehmlich eine politische und keine wirtschaftliche Entscheidung sein wird.  Ein Zusammenbruch dürfte daher aufgrund der von der Politik eingeleiteten Gegenmaßnahmen  keinen systemischen Schaden mehr hervorrufen können.

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Maximilian Wagner, Vermögensberater