Was sind Fußballaktien?

Ein kluger Spielzug oder direkt ins Abseits? In 2019 gewann Juventus Turin neben der italienischen Meisterschaft auch den Titel für den größten Zuwachs am Kapitalmarkt. Allerdings gilt zweifelsohne die Regel, dass die Aktienkurse börsennotierter Fußballclubs ihren eigenen Gesetzen folgen. Zudem ist besondere Vorsicht bei überzogenen Erwartungen im Vorfeld von Börsengängen geboten.

Der europäische Fußball-Kapitalmarkt: Ein Überblick

Mit dem Finale der UEFA Champions League am vergangenen Samstag ist die Saison 2018/19 offiziell Geschichte. Während sich die Vereine derzeit entweder im wohlverdienten Sommerurlaub oder auf Marketing-Touren in aller Welt befinden, nehmen wir dies zum Anlass, ein Fazit der abgelaufenen Saison aus der Kapitalmarktperspektive zu ziehen.

Zwar sind börsennotierte Fußballclubs im europäischen Geschäft noch immer eine Seltenheit, doch wer genauer hinsieht kann sich durchaus das ein oder andere Leibchen ins eigene Depot legen. In Deutschland ist mit Borussia Dortmund lediglich ein einziger Verein an der Börse notiert. In Italien (AS Rom, Lazio Rom und Juventus Turin) und Portugal (Sporting Lissabon, Benfica Lissabon, FC Porto, SC Braga) hingegen sind börsennotierte Fußballvereine schon deutlich öfters anzutreffen. Neben der Türkei mit insgesamt ebenfalls vier Vereinen (3x Istanbul, Trabzonspor) ist jedoch Dänemark mit fünf Vereinen zahlenmäßig Spitzenreiter im europäischen Fußball-Kapitalmarktgeschäft. Die Kursentwicklung dieser Vereine lässt sich überaus einfach im Index STOXX® Europe Football verfolgen, der alle gelisteten Fußballclubs an Börsen in Europa, der Türkei und EU-erweiterten Ländern umfasst*.

Bevor deren Erfolg aus Kapitalmarktperspektive analysiert werden kann, gilt es jedoch zuerst ein paar Eckdaten festzulegen. Da der internationale Fußball ab dem 10. August 2018 so richtig angelaufen ist, nehmen wir im Folgenden den 01. August 2018 als Startzeitpunkt an, auch um den Monat selbst klar abgesteckt zu haben. Als Endzeitpunkt der Saison 2018/19 formulieren wir den 31. Mai 2019, da mit dem Finale der UEFA Champions League am 01. Juni sämtliche internationale Titel im europäischen Fußball ausgespielt sind. Außerdem konzentrieren wir uns nur auf diejenigen Vereine, die in der abgelaufenen Saison für die Königsklasse qualifiziert waren.

Der Triumph am Kapitalmarkt: Auch ohne internationalen Titelgewinn möglich

Bei Betrachtung der Renditen seit August 2018 fällt vor allem eines auf: Die Faszination Fußball war in der vergangenen Saison auch am Kapitalmarkt überaus erfolgreich. Hierbei ist, obwohl knapp im Champions League-Viertelfinale gescheitert, Juventus Turin mit einem Kurszuwachs von 75% der klare Gewinner der Saison 2018/19 aus Kapitalmarktperspektive. Ein furioser Gewinn des Meistertitels in der italienischen Serie A konnte Anleger sowohl über das Aus auf internationaler Bühne hinwegtrösten, als auch über eine deutliche Niederlage im Viertelfinale des italienischen Ligapokals Coppa Italia.

Quellen: Onvista und Yahoo Finance (lokale Handelsplätze), STOXX Website (Link), eigene Berechnungen

Mit einem Kursgewinn von 54% geht Benfica Lissabon als Vizemeister hervor, womit hauptsächlich der Gewinn der portugiesischen Meisterschaft belohnt wird. Auf der internationalen Bühne lief die Saison eher durchwachsen, da es in der Gruppenphase der Champions League nur zu einem dritten Platz gereicht hatte, und man sich in der Europa League im Viertelfinale einer furiosen Eintracht aus Frankfurt geschlagen geben musste. Den dritten Platz mit einem Plus von 42% konnte sich Ajax Amsterdam sichern, der die Saison mit dem Gewinn des niederländischen Doubles und dem Erreichen des Champions League-Halbfinales eindrucksvoll beenden konnte. Die deutsche Vertretung am Fußball-Kapitalmarkt, Borussia Dortmund, steht dieser Kursentwicklung in kaum etwas nach und konnte mit einem Plus von 38% überaus zufriedenstellend aufwarten. Verglichen mit der Kursentwicklung des deutschen Leitindexes DAX® konnte der BVB gar mit einer Überrendite von 46 Prozentpunkten im Vergleichszeitraum glänzen. Auf übergeordneter Ebene konnte auch der STOXX® Europe Football-Index um 11% knapp zweistellig zulegen, was verglichen mit dem Bluechip-Index EURO STOXX 50 einer Outperformance von 18 Prozentpunkten gleichkommt.

Der Weg zum Titelgewinn: Ein italienisches Drama in mehreren Akten

Um das Titelrennen im Sportbetrieb nun etwas tiefer mit dem Börsenparkett zu verknüpfen, wollen wir uns folgend auf die Kursentwicklungen der Champions League-Viertelfinalisten Juventus Turin und Ajax Amsterdam konzentrieren und dies mit der Performance von Borussia Dortmund vergleichen.

Quellen: Yahoo Finance, kicker.de, eigene Berechnungen

Gleich zu Beginn der Saison kam ordentlich Bewegung in die Orderbücher. In der Serie A konnte das Papier von Juventus Turin bis zum 19. September 2018 gar um ganze 91% ansteigen. Allerdings konnte bis dahin mit fünf Siegen in den ersten fünf Spielen auch tadelloser Fußball im Stadion präsentiert werden.

Während sich die Euphorie um “Die alte Dame” zu Beginn des vierten Quartals an der Börse wieder deutlich legte, startete der BVB einen wahren Höhenflug am Kapitalmarkt. Angetrieben vom starken Saisonstart mit Platz 1 und vier Punkten Abstand auf Bayern München nach dem 10. Spieltag stand am 6. November 2018 das Kurs-Hoch der Saison 2018/19 zu Buche. Unter den oben betrachteten Vereinen war der BVB sogar bei weitem führend in den Depots sportbegeisterter Anleger. Bis zum Jahreswechsel büßte der BVB jedoch nahezu den gesamten Kursgewinn des vierten Quartal wieder ein, obwohl Platz 1 in der Bundesliga, die Qualifikationen für die Achtelfinals der UEFA Champions League und des DFB-Pokals noch immer auf eine vielversprechende Saison hindeuteten.

Nach der Winterpause ließ Ajax Amsterdam erstmals so richtig aufhorchen. Aufgrund unerwartet guter Leistungen in der UEFA Champions League konnten die Anteilspapiere kurz vor dem tragischen Ausscheiden im Rückspiel des Halbfinals gegen Tottenham Hotspur am 7. Mai mit einem Kursplus von 102% seit Anfang August 2018 glänzen. Am Tag nach der Niederlage brachen die Titel jedoch um ganze 20% ein, ehe sie die Saison bei noch immer weit überdurchschnittlichen +42% beendeten.

Schlussendlich sicherte sich jedoch Juventus Turin neben dem Meistertitel in der italienischen Serie A mit einem Plus von 75% auch am Kapitalmarkt den Titel als rentabelste Aktie. Deren Volatilität in Höhe von ca. 4,1% über die Saison hinweg war allerdings nichts für schwache Nerven. Verglichen hiermit war die Schwankungsintensität von Ajax Amsterdam mit ca. 2,3% sowie die des BVB mit ca. 2,2% fast schon von beruhigender Natur.

Gesetze von Fußballaktien: Eigen und bisweilen sonderbar

Nicht erst seit der abgelaufenen Saison entwickelt sich der europäische Fußball aus einer kommerziellen Sicht zu einer wahren Geldmaschine. Der Verkauf von Fernsehrechten treibt die Einnahmen der Klubs mehr und mehr in schwindelerregende Höhen, weshalb auch die Ablösesummen für einzelne Spieler längst im dreistelligen Millionenbereich angekommen sind. Da läge eigentlich die Vermutung nahe, dass sich dies auch auf die Aktienkurse börsennotierter Fußballvereine auswirkt.

An dieser Stelle werden jedoch sämtliche Fundamental-Theoretiker und Befürworter eines rationalen Verhaltens am Aktienmarkt enttäuscht, denn: Aktien von Fußballvereinen folgen ihren eigenen Gesetzen. Zwar hängen die finanzielle Gesundheit und die nachhaltige Ertragskraft eines Vereines mittel- bis längerfristig mit dem Abschneiden im Sportbetrieb zusammen, jedoch kann hierdurch nicht zu 100% die Kursentwicklung eines börsennotierten Fußballvereins erklärt werden. Vielmehr spielen Emotionalität und Euphorie eine wesentlich stärkere Rolle und haben einen bedeutend größeren Einfluss auf die Aktienkurse als beispielsweise bei einem altgedienten Industrieunternehmen.

Beispiele für starke kurzfristige Impulse liefert Juventus Turin in schöner Regelmäßigkeit, so auch bei der Verpflichtung von Cristiano Ronaldo im Sommer letzten Jahres. Seit in der Woche des 2. Juli 2018 erstmals ernsthafte Spekulationen bezüglich eines Wechsels aufkamen, schoss die Aktie an der Borsa Italiana um mehr als 35% bis zur finalen Bestätigung des Transfers am 10. Juli 2018 nach oben. Umgekehrt fiel der Kurs nach dem Aus gegen Ajax Amsterdam im Champions League-Viertelfinale innerhalb weniger Tage um 30%, was der Entwicklung so manchen Bankentitels zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 gefährlich nahe kommt (Link).

Außerdem gab es in der Vergangenheit Ereignisse, die für Anleger unmöglich vorherzusehen waren. So detonierten auf dem Weg zum Stadion neben dem Teambus von Borussia Dortmund am 11. April 2017 mehrere Sprengsätze. Der Täter wollte damit den Aktienkurs des BVBs zum Einbruch bringen. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt, ein Spielabbruch infolge einer Kapitalmarkt-motivierten Bombendetonation war jedoch ein absolutes Novum im weltweiten Fußballgeschäft (Link).

Ein ähnliches, jedoch glücklicherweise nicht ganz so schlimmes Beispiel ist das Länderspiel zwischen Dänemark und Schweden im Juni 2007. Die Nationalmannschaften trafen im Parken-Stadion des börsennotierten FC Kopenhagen im Rahmen der Qualifikation für die UEFA Euro 2008 aufeinander. Nachdem in der 89. Spielminute ein Fan auf den Platz stürmte, den Schiedsrichter attackierte und das Spiel kurz darauf abgebrochen wurde, strich die UEFA mehrere Spiele im Parken-Stadion. Der Aktienkurs des FC Kopenhagen brach daraufhin innerhalb eines Monats um 10% ein, da Ticketverkäufe für die kommenden Spiele schon voll im Gange waren (Link).

Neben solchen kurzfristigen Schocks kann auch ein weiterer Faktor von Belang sein. Für die wirtschaftliche Gesundheit eines Vereins, die wiederum erheblichen Einfluss auf den Aktienkurs haben kann, sind effektive Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten unabdingbar. Im Fach-Terminus ist dies die Jugendabteilung und das Club-spezifische Scouting-System, dessen Erfolg sich längerfristig in den Transfererlösen eines Vereins widerspiegelt. Es vermag daher eine durchaus sinnvolle Strategie zu sein, als Ausbildungs-Club Spieler mit Perspektive günstig einzukaufen, und diese anschließend an die ganz großen Clubs teurer weiter zu veräußern. Die drei größten portugiesischen Clubs stellen für eine solche Herangehensweise exzellente Beispiele dar.

Analysiert man die Transfererlöse seit der Saison 2010/11 und stellt diese den gezahlten Ablösesummen gegenüber, so ergeben sich gewaltige Transfer-Salden für alle drei Vereine, welche wiederum für eine erfolgreiche Transferpolitik sprechen.

Quellen: Transfermarkt.de (Link ILink IILink III)

Während Sporting Lissabon bis heute kumulativ ein Plus von ca. €135 Mio. generieren konnte, beträgt der Saldo für den FC Porto gar ganze €359 Mio. Unangefochtener Spitzenreiter ist jedoch Benfica Lissabon mit Gewinnen von mehr als €516 Mio. allein aus Spielertransfers. Dieses Muster ist jedoch nicht nur auf Vereinsebene zu beobachten. Aggregiert man sämtliche Transfers, so fällt auch auf Ligaebene auf, dass die portugiesische Liga weltweit führend ist. Hiermit konnte sogar die brasilianische Liga auf Platz zwei verwiesen werden, deren jugendliche Edeltechniker seit jeher ein Exportschlager nach Europa sind. Platz drei nimmt die niederländische Eredivisie ein, wo alleine Ajax Amsterdam mit einem Saldo von ca. €205 Mio. für mehr als ein Viertel der Gesamterlöse steht.

Quelle: Transfermarkt.de (Link)

Allerdings stellen die Transfer-Salden bei den drei betrachteten Vereinen lediglich ein weiteres Beispiel für eigene Gesetze im Fußball-Kapitalmarkt dar. Entgegen der immensen Transfergewinne konnten die Aktien der drei portugiesischen Vereine seit Beginn der Saison 2010/11 (Annahme: 01.08.2010) nicht wirklich überzeugen. Während für Benfica Lissabon ein Gewinn von ca. 8% zu Buche steht, musste der FC Porto und Sporting Lissabon ein Minus von 36%, bzw. 37% verkraften. Über einen solch langen Zeitraum ist dies verglichen mit der Rendite des EURO STOXX 50 in Höhe von 20% weit unterdurchschnittlich.

Vorsicht bei IPOs: Langfristige Verluste nicht unwahrscheinlich

Zum Abschluss wollen wir zusätzlich die Situation eines Börsengangs im Fußballgeschäft beleuchten. Der Gang aufs Parkett kann für Fans eine ganz neue Form der Unterstützung öffnen. Besondere Vorsicht gilt jedoch bei der Zeichnung von Aktien direkt zum Börsengang, da nicht selten neu gelistete Vereine die oftmals überzogenen Kurserwartungen kaum erfüllen können.

Für den Kurs von Juventus Turin brauchte es beispielsweise seit dem Börsengang im Dezember 2001 fast 17 Jahre, ehe die Aktie im September 2018 erstmals den Ausgabekurs übertraf. Noch schlimmer verhält es sich mit Olympique Lyon. Der Zeitpunkt des Börsengangs im Februar 2007 war im Vorfeld der Finanzkrise rückblickend zwar etwas unglücklich gewählt, jedoch tröstet dies Anleger kaum darüber hinweg, dass die Aktie bei einem Ausgabekurs von €14,57 in den vergangenen neun Jahren nie mehr die Schwelle von €5,00 überschritt. Ähnlich verhalten sich die Papiere des AS Rom. Mit einem Ausgabepreis von €2,13 im Juni 2000 gestartet, notierte die Aktie zuletzt bei €0,50, was einen Verlust von ca. 77% darstellt.

So kann man diese drei Vereine gar als seltenes Beispiel nehmen, bei denen sich langfristiges Investieren keineswegs auszahlt. Zusammenfassend ist daher bei Börsengängen besondere Vorsicht geboten, da die zuvor erläuterten Faktoren Emotionalität und Euphorie auch bei der erstmaligen Zeichnung von Aktien eines Fußballclubs eine erhebliche Rolle spielen können. Es kann daher eine durchaus sinnvolle Strategie sein, nach einer Neuemission erst einmal die Kursentwicklung der ersten Monate abzuwarten.

Fazit: Ein kluger Spielzug oder direkt ins Abseits?

Zweifelsfrei konnten die fußballerisch erfolgreichen Vereine in der Saison 2018/19 auch am Kapitalmarkt glänzen. Schon bei Betrachtung der Kursverläufe und deren Anfälligkeit gegenüber kurzfristigen Schocks wird jedoch schnell klar, dass eine Investition in Fußballclubs entweder als sehr spekulativ einzustufen ist oder nur etwas für Liebhaber der jeweiligen Vereine ist. Auch für die Zukunft gilt: Kursverläufe werden sich nicht zu 100% rational erklären lassen können. Daher kommen — durchaus zugespitzt ausgedrückt — Investitionen in Fußballvereine dem Eingehen von Sportwetten näher als einem langfristig gewinnbringenden Investment.

Um zumindest indirekt Investor des heimischen Borussia Dortmund zu werden, steht Anlegern jedoch eine wesentlich risikoärmere Möglichkeit als ein Direktinvestment zur Verfügung. Bedingt durch die Mitgliedschaft im Nebenwerte-Index SDAX beinhaltet jeder ETF auf diesen Index zu ca. 0.74% Anteile von Borussia Dortmund. Zumindest hypothetisch können Anleger daher Aktionär des Borussia Dortmund werden, ohne dessen vollumfänglichen Kursschwankungen ausgesetzt zu sein. Weiterhin ist besondere Vorsicht bei der Zeichnung von Aktien beim Börsengang geboten, da selbst die Aktien international bedeutender Vereine, wie Juventus Turin, der AS Rom oder Olympique Lyon ihren Ausgabepreis erst nach langen Jahren, bzw. bis dato nie wieder erreichen konnten.

Unserer Einschätzung nach bleiben Fußballaktien daher eher etwas für eingefleischte Fans, die den Aktienkauf mehr als Teil ihrer Unterstützung für den Verein ansehen, als langfristig damit stabile Kursgewinne versuchen zu erwirtschaften.

*Manchester United ist an der New York Stock Exchange (NYSE) gelistet und daher nicht im STOXX® Europe Football enthalten. Darüber hinaus ist der S.C. Braga aus der ersten portugiesischen Liga ebenfalls nicht im Index enthalten.